Das Social-Media-Dilemma

wie Creator:innen die Demokratie retten können

Am 17. Oktober 2026 war in den USA der große Aktionstag von „No Kings“. Das ist die wichtigste Protestbewegung gegen Trump und seine Demokratie-zerstörende Politik. Und genau an diesem wichtigen Tag wurde der No-Kings-Instagram-Account gesperrt. Mitten im Aktionstag, während landesweit rund 3.000 Veranstaltungen liefen, war die Bewegung auf der vermutlich wichtigsten SocialMedia-Plattform über Stunden nicht handlungsfähig. Meta, also der Konzern, der sich seit Trumps Wiederwahl demonstrativ an ihn anbiedert, spricht von einem „Fehler“.

Dieser Vorfall reiht sich ein in eine lange Kette von problematischen bis offen menschenfeindlichen Geschäftspraktiken der Plattform-Konzerne wie Meta und X. Deren wirtschaftliches Interesse ist es, so viel wie möglich Profit aus der Aufmerksamkeit ihrer User zu quetschen. Horrende Schäden für einzelne User, Gruppen oder ganze Gesellschaften stehen dem nicht entgegen. Die Nähe zur Macht (Trump) und die aktive Unterstützung demokratiefeindlicher Akteure (AfD, ReformUK, …) finden in aller Öffentlichkeit statt.

Das Ganze ist nicht neu. Was eigentlich ein Skandal sein sollte, wird weitgehend hingenommen, weil es in den letzten Jahren tröpfchenweise bekannt wurde. Das ist klassisches „Boiling the Frog“: Trotz des offensichtlich hochproblematischen Agierens dieser Konzerne bilden ihre Plattformen fast vollständig „die digitale Öffentlichkeit“ in der Medien, Behörden, NGOs und Individuen in demokratischen Diskurs treten. Die Frösche im Topf sind wir alle. (Und ja: Echte Frösche springen raus. Die Frage ist nur, ob wir auch so clever sind.)

Der No-Kings-Vorfall sollte jetzt spätestens allen die Augen öffnen, wie fatal diese Abhängigkeit ist. Wenn die wichtigste Oppositionsbewegung gegen einen antidemokratischen Machthaber an ihrem wichtigsten Tag mal eben mundtot gemacht werden kann, dann ist die Konsequenz:

Die Demokratie aus ihrer aktuellen Krise zu retten, geht nur gegen Plattform-Konzerne wie Meta und X – nicht mit!

Die unbequeme Folgerung: Jedes Quäntchen Content und jede Sekunde User-Screentime, die man diesen Konzernen schenkt, ohne zumindest indirekt auf eine Unabhängigkeit von diesen hinzuwirken, ist Teil des Problems.

Für viele Content-Macher:innen, Agenturen und andere SocialMedia-Berufe ist das ein ernstes Dilemma. Sie prägen SocialMedia. Ihre professionelle Arbeit, Kreativität, Mühe und Leidenschaft sind der Treibstoff der Maschine, aber ihre wirtschaftliche Existenz und ihre persönliche Identität hängen von den problematischen Plattformen ab. Also von den Konzernen, die offensichtlich der Gesellschaft jetzt schon hart schaden. Und in den sich abzeichnenden Entscheidungskämpfen zwischen menschenfreundlicher Demokratie und konzerngefälliger Autokratie werden diese Konzerne ihren Einfluss auf Diskurse und Wahlen absehbar auf der falschen Seite einbringen. Noch mehr als jetzt schon. Und dann wird es noch mehr Bauchschmerzen auslösen, von diesen Plattformen abhängig zu sein.

Die naheliegende menschliche Reaktion auf dieses Dilemma ist es, das Problem zu ignorieren oder zu verleugnen: „Wir müssen dahin gehen, wo unsere Follower sind.“, „Wir machen wichtige Aufklärungsarbeit.“ etc. Am Ende heißt es trotzdem „Folge dem Kanal auf Instagram und aktivier die Glocke, um nichts mehr zu verpassen!“.

Auch für die Gesellschaft ist es ein Dilemma: Die Agenda der digitalen Öffentlichkeit wird praktisch vollständig von SocialMedia-Profis und von den Plattformalgorithmen bestimmt. Eine kritische Auseinandersetzung mit der fatalen Abhängigkeit von genau jenen evident problematischen Konzernen, die diese Plattformen betreiben, wird da kaum die nötige Aufmerksamkeit bekommen.

Wer das Dilemma anerkennt, könnte gleich wieder resignieren, schließlich kann man als Individuum auf Grund des Netzwerkeffekts doch sowieso nichts dagegen tun, oder? ODER?

Doch! Das Prinzip „Teile und Herrsche!“ ist zwar leider ziemlich erfolgreich, aber was historisch erwiesen dagegen hilft, ist Organisation! Betroffene machen sich klar, dass sie nicht alleine sind, vernetzen sich und können mit koordinierten Aktionen aus dem Dilemma ausbrechen.

Wie das dann konkret aussieht, ergibt sich im Prozess. Aber klar ist: Aus großer Reichweite folgt große Verantwortung. Naheliegende Schritte sind die folgenden:

  1. Das Problem verstehen (Von welchen Plattformen bin ich abhängig? Wo ist meine rote Linie?)
  2. Mit anderen darüber sprechen
  3. Schritt für Schritt einen Exit-Pfad zu dezentralen Alternativen aufbauen
  4. Die eigene Community dabei mitnehmen

Diese Aktion ist natürlich nicht die erste, die das Problem der Plattformabhängigkeit angeht, siehe z. B. Save Social, den Digital Independence Day oder #ByeByeElon. Sie ist aber vermutlich die erste, die sich primär an Creator:innen und Social-Media-Profis richtet.

Was wir (Engagierte aus dem Dunstkreis des Chaos Computer Clubs) anbieten können:

  1. Den Vernetzungsprozess zu unterstützen und bei Bedarf zu moderieren.
  2. Strategische und technische Beratung.

Kontakt: `dilemma at uber.space``

Quellen und Ergänzungen

Eine Auswahl frei zugänglicher Berichte, die das Verhalten von Meta und X dokumentieren. „(engl.)“ markiert englischsprachige Quellen.

Übersichten

Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp)

X (ehemals Twitter)